Dieter Kläy
Dieter Kläy

Erstaugustrede gehalten in Bassersdorf (ZH)

01.08.2019

Sehr geehrte Frau Gemeindepräsidentin, liebe Doris

Sehr verehrte Anwesende

Ich danke herzlich für die Einladung, vor Ihnen die Erstaugustrede halten zu dürfen. Es ist mir eine Freude, Ihnen zum heutigen Nationalfeiertag die besten Grüsse und Glückwünsche des Kantonsrats zu überbringen.

Der 1. August ist der Geburtstag der Schweiz. Wir besinnen uns auf unsere Wurzeln und Werte und fragen uns auch, wohin die Reise in Zukunft gehen wird. Wir denken über Chancen nach.

Das gilt insbesondere auch für den Kanton Zürich. 2019 ist ein ganz besonderes Jahr für unseren Kanton. Es steht nämlich im Zeichen von drei herausragender Persönlichkeiten. 1819 sind Alfred Escher und Gottfried Keller geboren worden. Wir feiern auf vielfältige Art ihren zweihundertsten Geburtstag.

Und natürlich ist 2019 auch das Zwingli-Jahr. Vor 500 Jahren ist er als Leutpriester ans Grossmünster in Zürich gewählt worden.

Warum sind diese drei Persönlichkeiten für den Kanton Zürich, aber auch für die ganze Schweiz wichtig und was verbindet sie heute und in Zukunft mit uns?

Allen drei gemeinsam ist, dass sie visionäre Persönlichkeiten waren und es heute noch sind. Persönlichkeiten, die den Kanton Zürich und die Schweiz mit ihren Ideen weitergebracht und uns auf verschiedene Art Reichtum geschenkt haben.

Ich meine «Reichtum» ganz bewusst nicht nur im materiellen, finanziellen Sinn, sondern auch im kulturellen und geistigen Sinn.

Alfred Escher und Gottfried Keller verbindet nicht nur der gemeinsame Jahrgang 1819. Sie haben beide markante Spuren in der Geschichte hinterlassen – der eine wirtschaftlich, der andere kulturell, beide politisch und gesellschaftlich. Diese Spuren sind nicht nur rückblickend deutlich erkennbar, sondern reichen über das Heute hinaus und fordern zu einer Auseinandersetzung mit der Zukunft heraus.

Gottfried Keller prägte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als bedeutender Schriftsteller nicht nur das literarische, sondern als erster Staatsschreiber des Kantons auch das politische Zürich. Nach Lehr- und Wanderjahren in Deutschland hat er seine dichterische und politische Begabung entdeckt. Das Resultat kennen wir: Bedeutende Werke wie der „Grüne Heinrich“, „Die Leute von Seldwyla“, die „Sieben Legenden“ und andere.

Die Politik erinnert er immer wieder mit seiner vor 157 Jahren gemachten Forderung: „dass unser Vaterland niemals im Streit um das Brot, geschweige denn im Streit um Vorteil und Überfluss untergehen sollte.“ 

Alfred Escher war die herausragende wirtschaftspolitische Persönlichkeit des Kantons und der Schweiz im 19. Jahrhundert. Er zählte zu jenen Pionieren der Gründerzeit, die das dynamische Umfeld des jungen Bundesstaates zu nutzen wussten. Eschers Aufstieg in der kantonalen und eidgenössischen Politik war geradezu kometenhaft. Mit 26 Jahren war er Kantonsrat, mit 29 Zürcher Regierungsrat und eines der jüngsten Mitglieder des 1848 gewählten ersten Nationalrates, mit 30 erstmals Regierungsrats- und Nationalratspräsident. Er war insgesamt sechsmal Kantonsratspräsident und viermal Nationalratspräsident, wobei er einmal das Amt des Nationalratspräsidenten nicht annahm. Seine Erfolgsjahre waren von 1848 (die Gründung des Bundesstaats) bis in die 1860-er Jahre. In diesem Zeitraum realisierte er seine grossen wirtschaftspolitischen Gründungen: die Nordostbahn (1852/53), das Eidgenössische Polytechnikum (1854/55, heute ETH Zürich), die Schweizerische Kreditanstalt (1856, heute Credit Suisse) und die Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt (1857, heute Swiss Life). Eigentlicher Motor der wirtschaftlichen Entwicklung war der von ihm massgeblich mitgetragene private Eisenbahnbau.

Zur Durchsetzung der grossen Infrastrukturvorhaben brauchte es politische Mehrheiten, die Escher schaffen konnte. So trug er wesentlich zur verkehrstechnischen Erschliessung des Landes und dessen Anschluss an die Welt bei. Im Zusammenhang mit dem Bahnbau hat er auch die Finanzierung geschaffen und zu diesem Zweck die Schweizerische Kreditanstalt (heute CS) gegründet. Der Vormarsch der Eisenbahn, damals „Dampfross“ genannt, stiess wiederum eine ganze Reihe weiterer wirtschaftlicher Entwicklungen an und veränderte unsere Gesellschaft nachhaltig. Sein grösster Erfolg war die Schaffung einer Nord-Süd-Verbindung durch die Schweiz mit dem Gotthard Eisenbahntunnel im Jahr 1882.

Zwingli verliess schon mit 10 Jahren sein Elternhaus in Wildhaus (SG) um in Basel und Bern die Lateinschule zu besuchen. In Wien und Basel studierte er Theologie. Er erhielt die Priesterweihe und trat in Glarus seine erste Pfarrstelle an. Als Feldprediger begleitete er zweimal Schweizer Söldner in Italien (Schlacht von Marignano 1515). Diese Erfahrungen als Militärseelsorger machten ihn zum heftigen Gegner des Söldnertums und öffneten ihn für pazifistische Gedanken.

Die Chorherren vom Grossmünster Zürich wählten Zwingli per 1. Januar 1519 zum neuen Leutpriester. Doch er begann mit Traditionen zu brechen. Er predigte gegen alles in seinen Augen "Nichtbiblische" wie Verehrung von Bildern, Reliquien und Heiligen. Er engagierte sich gegen den Zölibat. Zum Bruch mit der katholischen Tradition kam es, als mit einem öffentlichen Wurstessen in seiner Gegenwart das Fastengebot übertreten wurde. 1522 legte er sich endgültig mit dem Bischof von Konstanz  und dem Papst an, der ihm gar ein Kanzelverbot erteilte und den Stadtrat von Zürich aufforderte, den Priester als Ketzer zu ächten.

Aber der Rat der Stadt Zürich machte sich die Haltung Zwinglis zu Eigen und beschloss, Zwinglis Thesen für schriftgemäss zu erklären. So setzte er die reformatorischen Neuerungen Zwinglis durch. Die Reformation zürcherischer Prägung verdankt ihren Erfolg dem Rückhalt im Rathaus.

Was verbindet jetzt Keller, Escher und Zwingli und was ist ihr Bezug zu heute und zur Zukunft?

Diese drei Persönlichkeiten haben, jeder auf seine Art, ihren Anteil an der modernen Schweiz geschaffen: religiös, kulturell und wirtschaftlich. Die in der Eidgenossenschaft von Zürich ausgehende Reformation ist untrennbar mit dem Wirken Zwinglis verbunden. Die Modernisierung und die verkehrstechnische Erschliessung basieren massgeblich auf dem Wirken Eschers und mit Gottfried Keller haben wir einen bedeutenden Schriftsteller erhalten, dessen Weisheiten noch heute gültig sind. Oder wer kennt nicht das Sprichwort «Kleider machen Leute»?

Dank ihnen - und natürlich vielen Persönlichkeiten mehr - sind wir zu einer wohlhabenden, kulturell und religiös toleranten Gesellschaft geworden. Das ist aber nicht einfach so passiert und selbstverständlich, sondern das Resultat von langer, harter Arbeit und richtigen Entscheiden.

Welches könnten jetzt die Botschaften von Escher, Keller und Zwingli für die Zukunft sein?

Escher würde heute von Digitalisierung und Innovation sprechen, gerade mit dem Blick auf die Herausforderungen des Klimawandels und so versuchen, Lösungen zu finden, wie er sie im 19. Jahrhundert mit der Eisenbahn für das Transportwesen entwickelt hat.

Zwingli würde wohl die Unabhängigkeit ins Zentrum seiner Überlegungen stellen, aber auch das Integrierende. Die Schweiz schafft den Ausgleich zwischen den Regionen und Kulturen. Unterschiede werden als Bereicherung wahrgenommen, nicht als Bedrohung.

Und Keller würde als Staatsmann, der er als Staatsschreiber des Kantons Zürich war, den Kompromiss in der direkten Demokratie ins Zentrum rücken, nicht als Zeichen der Schwäche, sondern als Ausdruck von Stärke. Viele Länder um uns herum wechseln alle paar Monate ihre Regierung aus. Dafür haben sie schwer änderbare Verfassungen. Wir machen es umgekehrt. Wir ändern alle paar Monate an der Urne die Verfassung, dafür haben wir stabile politische Verhältnisse, basierend auf Kompromissen.

Die Schweiz ist die Heimat für Menschen, die gewillt sind, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen. Von Menschen, die ihr Schicksal durch Fleiss, Respekt und Engagement selbst in die Hand nehmen und selbstbewusst gestalten. Dieses Erfolgsmodell zu sichern und in die Zukunft zu tragen, ist die Aufgabe von uns allen. Nur so können wir auch unsere Zukunft aktiv gestalten und unsere Errungenschaften weiterentwickeln.

Unsere Wirtschaft ist eine der konkurrenzfähigsten und innovativsten der Welt. Wir liefern unsere Produkte in die ganze Welt - und das sind bei Weitem nicht nur Käse und Uhren, sondern vor allem hochtechnologische Produkte, IT-Programme und Medikamente usw. Unsere Wirtschaft ist aber nicht zum Selbstzweck da, sondern hat eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie soll für die Menschen in der Schweiz Arbeit bieten und Wohlstand schaffen. Nur dank einer funktionierenden Wirtschaft können wir uns einen funktionierenden Sozialstaat leisten, der niemanden fallen lässt.

Es ist aber eine Illusion zu denken, dass diese Wirtschaft naturgegeben so gut funktioniert. Es ist das Resultat guter Rahmenbedingungen, für die wir auch in Zukunft sorgen müssen. Wir müssen die öffentlichen Finanzen in Ordnung halten, die Bilateralen Verträge zur EU verteidigen und die Chancen der Digitalisierung packen.

Heute, am 1. August, verbindet uns ja besonders vieles. Z.B. das Heimatgefühl, das aber nicht einfach aus Schokolade, Käse und Alphörner besteht, sondern viel weiter geht. Zugehörigkeit, Vertrautheit und Sicherheit verbindet uns ebenfalls. Es an uns, diese Werte zu leben und gemeinsam weiterzukommen! Ich wünsche Ihnen weiterhin einen schönen ersten August und danke für die Aufmerksamkeit.

Dieter Kläy, Kantonsratspräsident

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