Dieter Kläy
Dieter Kläy

Flexibler arbeiten

14.02.2019

Arbeitsmarktpolitik ist von strategischer Bedeutung. Das heute geltende Arbeitsrecht verharrt im Geist der 50-er und 60-er Jahre. Die arbeitsrechtlichen Vorschriften müssen flexibilisiert und den künftigen Lebensumständen angepasst werden. Nicht mehr, sondern flexibler soll gearbeitet werden können.

Für unsere Wirtschaft ist der flexible Arbeitsmarkt ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die KMU bieten zwei Drittel der Arbeitsplätze in der Schweiz an und bilden über 70 Prozent der Lernenden aus. Die Arbeitspartizipation ist hoch. Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise tief und lag im Januar 2019 bei rund 2,9%, was im Vergleich zu den umliegenden Ländern tief ist – gerade auch bei Jugendlichen. Die berufliche Grund- und Weiterbildung ist einer der wesentlichen Pfeiler unseres Erfolgsmodells. Die Arbeitnehmenden profitieren von einem flexiblen Arbeitsmarkt.

Doch der liberale und flexible Arbeitsmarkt als Garant für die tiefe Arbeitslosigkeit wird durch Initiativen (z.B. Mindestlohninitiative, 1:12-Initiative, Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen) immer wieder herausgefordert. Da sich das Arbeitsleben durch die Digitalisierung und sich wandelnde Lebensumstände immer mehr verändert, müssen das Arbeitsrecht flexibler und die Bedürfnisse einer modernen Arbeitswelt besser berücksichtigt werden.

Wandel der Arbeitswelt

Das Arbeitsgesetz hat seine Wurzel im industriellen Zeitalter der 50-er und 60-er Jahre. Heute sind drei Viertel der Erwerbstätigen im tertiären Sektor tätig. 85 % der Schweizerinnen und Schweizer sind mobile Internetnutzer. Der Trend zur Flexibilisierung der Arbeit wird immer stärker und arbeitsrechtliche Regelungen verlieren zunehmend an Aktualität. Anpassungsbedarf gibt es vor allem in zwei Bereichen.

Arbeitszeit und Ruhezeit  

Ein erster Bereich umfasst die Arbeitszeit und die Arbeitszeiterfassung bzw. die Ruhezeiten. Fixe Arbeitszeiten sind immer weniger zeitgemäss. Sie orientieren sich an einem überholten Fabrikbild, als die Arbeiter zu einem bestimmten Zeitpunkt morgens die Arbeit aufnahmen und zu einem bestimmten Zeitpunkt abends die Firma verlassen durften. Die moderne Arbeitswelt – insbesondere im wachsenden Dienstleistungsbereich, aber auch im kundenorientierten, gewerblichen Bereich – ist flexibel und nicht mehr ausschliesslich an den Arbeitsplatz in der Firma gebunden. Mit der generellen Erhöhung der Höchstarbeitszeit von 45 auf 50 Stunden pro Woche wird dieser Entwicklung Rechnung getragen.

Dabei heisst die Devise nicht «generell mehr», sondern «anders» arbeiten. Das trägt auch einem modernen Familienbild Rechnung. Aktuelles Beispiel sind zwei Vorstösse aus dem Ständerat betreffend Teilflexibilisierung des Arbeitsgesetzes und Erhalt bewährter Arbeitszeitmodelle sowie Ausnahmen von der Arbeitszeiterfassung für leitende Angestellte und Fachspezialisten. Für Führungs- und Fachkräfte mit hoher Arbeitsautonomie und grossen Befugnissen soll die Umstellung von der Wochen- zur Jahresarbeitszeit eine flexiblere Verteilung der Arbeit ermöglichen. Zudem sollen für leitende Angestellte und Fachspezialisten Ausnahmen von der Arbeitszeiterfassung gemacht werden können.

Das Praxisbeispiel dazu liefern die Treuhänder. Wenn jetzt in diesen Tagen und Wochen mit den Jahresabschlüssen und den Steuererklärungen für Mitarbeitende dieser Branche regelmässig viel Arbeit ansteht, muss länger gearbeitet werden können. Systembedingt fällt die Arbeitsbelastung in den Sommermonaten geringer aus. Die heute geltende Beschränkung der wöchentlichen Arbeitszeit auf grundsätzlich 45 Stunden, das Minimum der täglichen Ruhezeit von 11 Stunden und die Einschränkungen der Sonntagsarbeit ist für solche Branchen nicht mehr praxistauglich. Zugunsten der Kundschaft aber auch mit Blick auf die Planbarkeit und die Bewältigung der Arbeit braucht es mehr Flexibilität.

Nacht- und Sonntagsarbeit

Ein zweiter Bereich betrifft die Nacht- und Sonntagsarbeit. Hier gibt es durch veränderte Lebensumstände verursacht immer mehr Branchen mit besonderen Bedürfnissen.

Strassenbau bezüglich des Unterhalts auf der Nationalstrasse: Bei den heute herrschenden Verkehrsverhältnissen wird es immer schwieriger und auch für die involvierten Mitarbeitenden gefährlicher, tagsüber Bau- und Unterhaltsarbeiten auszuführen.

Gartencenters: Die Kundschaft will zunehmend am Wochenende in die Gartencenters, weil sie dann Zeit hat, die gekauften Bäume und Pflanzen zu setzen.

Kinderkrippen: Es gibt eine gewisse Zahl von Berufen, die auch nachts und am Wochenende erledigt werden müssen wie im Gesundheitswesen, öffentlichen Verkehr, Polizei, Feuerwehr uam. Auch diese Leute haben Kinder, die betreut werden müssen.

Befreiung von der Pflicht der Arbeitszeiterfassung

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Vorgesetztenfunktion sowie Fachpersonen, die über wesentliche Entscheidungsbefugnisse in ihrem Fachgebiet verfügen, sollen von der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung befreit und der Vertrauensarbeitszeit unterstellt werden können, sofern sie bei ihrer Arbeit über eine grosse Autonomie verfügen und ihre Arbeitszeiten mehrheitlich selber festsetzen können. Die Anpassung der individuellen Tages- und Abendarbeitszeit, Ruhezeit und des Sonntagsarbeitsverbots ist auch im Interesse der Arbeitnehmenden selbst, wenn sie während den üblichen Arbeitszeiten familiäre oder anderweitige Verpflichtungen wahrnehmen wollen und geschäftliche Pendenzen dann erledigen, wenn diese wirklich anfallen. Das ermöglicht eine gute Work-Life-Balance und eine höhere Arbeitszufriedenheit.

Dieter Kläy, Executive Master WRM-HSG (Wirtschaftsrecht), Ressortleiter Arbeitsmarktpolitik beim Schweizerischen Gewerbeverband, Kantonsrat, Vizepräsident FDP Kt. Zürich