Dieter Kläy
Dieter Kläy

Das Tessin verdient mehr Wertschätzung

23.02.2016
Die in der Presse und in den Leserbriefspalten geführte Diskussion über den Sanierungstunnel am Gotthard zeigt vor allem eines: In der Verkehrspolitik herrscht Egoismus. Das ist der falsche Ansatz. Auch für unsere Projekte zur Bewältigung der Engpässe auf den Nationalstrassen in der Ostschweiz und im Raum Winterthur und Zürich, aber auch in den übrigen Teilen der Schweiz sind wir auf Solidarität angewiesen. Ganzheitlich betrachtet gibt es keinen wirklichen Grund gegen die zweite Gotthardröhre.
In den vergangenen Jahren haben die Tessinerinnen und Tessiner nicht besonders viel Solidaritätskundgebungen aus dem Rest der Schweiz erhalten. An Hochschulen und Universitäten sind Lehrstühle und Professuren für Italienisch abgeschafft worden. Auch an den Mittelschulen scheint der Einfluss unserer dritten Landessprache zu schwinden. Vergangenen Dezember hat das Bundesparlament den Tessiner Kandidaten nicht in die Landesregierung gewählt. Und jetzt wollen die Gegner der zweiten Gotthardröhre das Tessin während der Sanierungsphase des Gotthardstrassentunnels von der Deutschschweiz abschneiden.     
Mehr Sicherheit
Die Sanierung des Gotthardstrassentunnels muss auf jeden Fall an die Hand genommen werden. Mit dem Bau einer zweiten Sanierungsröhre könnte die Sicherheit dank richtungsgetrenntem Verkehr und neu einem Pannenstreifen stark verbessert werden. Der seit 1980 betriebene Strassentunnel ist einer der längsten Tunnels im Gegenverkehr in Europa. Auf über 17 Kilometern kreuzen sich Lastwagen und Autos auf engstem Raum. Der Gotthardstrassentunnel weist zudem einige gewichtige und systembedingte Nachteile auf, wie eine enge Röhre mit Gegenverkehr, schmale Fahrspuren und fehlende Pannenstreifen. Damit genügt er modernen Sicherheitsstandards nicht mehr.
Keine sinnlosen Verladeprovisorien
Nicht nur in Bezug auf die Sicherheit fallen Alternativen zum Sanierungstunnel am Gotthard durch. Der Tunnel müsste während drei Jahren geschlossen werden. Um die Sanierungsarbeiten am Gotthardtunnel ohne eine zweite Röhre durchzuführen, müssten Verladestationen für den Bahntransport von Lastwagen und Personenwagen gebaut werden. Sämtliche Fahrzeuge müssten in sehr teuren, provisorischen Terminals in den Alpentälern bei Biasca und Erstfeld auf die Schiene verladen werden. Insgesamt sind Verladeanlagen in der Grösse von 22 Fussballfeldern notwendig. Ein solches Verlade-Provisorium ist kostspielig und ineffizient. Die bei einer Ablehnung des Sanierungstunnels durch die Kantone Uri und Tessin bevorzugte Lösung würde während sieben Jahren von November bis März Bauarbeiten nach sich ziehen, In dieser Zeit muss der Strassentunnel gesperrt werden. Auch die Passstrecke wird während dieser Zeit nicht zur Verfügung stehen. Ein solcher in die Länge gezogener Betrieb schlägt sich auf die Kosten nieder. Sie werden für diese Sanierungsvariante dementsprechend auf bis zu 1.9 Mia. Franken geschätzt – davon 1,1 Mia. Franken für den Bau und den Betrieb einer Infrastruktur, die letzten Endes abgebaut werden muss. In dreissig bis vierzig Jahren werden unsere Nachkommen erneut unnötig Geld für Verladeprovisorien in die Hand nehmen müssen. Die Variante mit Sanierungstunnel ist wirtschaftlich nachhaltiger. Künftig anfallende Sanierungen können dank einer Umleitung über den verbleibenden Tunnel einfach, effizient und sinnvoll gestaltet werden.
Unseriöse Kommentierung
Es ist unseriös, wenn verschiedene Printmedien in einem Rundumschlag vorgaukeln, dass mit einem Nein zur zweiten Gotthardröhre 3 Milliarden eingespart werden können. Unseriös deshalb, weil die Sanierung des Gotthardstrassentunnels an die Hand genommen muss und – wie die Botschaft des Bundesrates deutlich macht – je nach Version die Sanierung auch ohne zweite Gotthardröhre bis zu 2,2 Milliarden kostet. Die zweite Gotthardröhre kostet rund 2,8 Milliarden. Zusammen mit den zusätzlichen Forderungen der Tunnelgegner, weitere Verladeanlagen an den Landesgrenzen zu installieren, wird es gleich teuer oder gar teurer. Der Bau einer zweiten Sanierungsröhre ist nachhaltig und macht Sinn, weil wir unseren Nachkommen in 30 bis 40 Jahren die Diskussionen rund um Verlade-Basteleien ersparen können. 
Dieter Kläy, Kantonsrat (FDP)