Dieter Kläy
Dieter Kläy

Eine sehr gewagte Behauptung

10.12.2021

Gemäss den kürzlich publizierten Verkehrsperspektiven 2050 des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) soll der Personenverkehr aufgrund gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Trends bis 2050 nur halb so stark wachsen wie die Bevölkerung. Diese Aussage lässt aufhorchen. 

Im Hauptszenario «Basis» der Verkehrsperspektiven 2050 des UVEK nimmt die Verkehrsleistung (Personenkilometer) des Personenverkehrs bis 2050 gegenüber dem Referenzjahr 2017 lediglich um 11 Prozent zu, während die Bevölkerung um 21 Prozent wächst. Als Grund für diese Entwicklung werden verschiedene gesellschaftliche und wirtschaftliche Trends ausgemacht. Immer mehr Menschen würden künftig zuhause arbeiten, was den Pendlerverkehr reduziere. Mit der Alterung der Bevölkerung nehme der Anteil der Erwerbstätigen ab, weshalb weniger Arbeitswege anfallen würden. Einen Einfluss auf den Verkehr hat gemäss UVEK auch die Raumentwicklung. Dichter besiedelte Gebiete würden über nahegelegene Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten verfügen.

Von der technologischen Entwicklung abhängig

Die Resultate des Basisszenarios beruhen auf der Annahme, dass die bestehende Verkehrs- und Raumplanung, wie sie der Bundesrat in «Mobilität und Raum 2050» beschlossen hat, konsequent umgesetzt wird. Dazu gehört etwa die Siedlungsentwicklung nach innen an Standorten, die durch den öffentlichen Verkehr gut erschlossenen sind. Zusätzlich beruht das Basisszenario auf der Annahme, dass verkehrspolitische Massnahmen eingeführt werden. Der Anteil am öffentlichen Verkehr steigt, es wird viel mehr Velo gefahren und der motorisierte Individualverkehr sinkt, bleibt aber insgesamt bedeutend. Zunehmender Onlinehandel lässt den Anteil des Lieferwagenverkehr steigen. Das UVEK geht davon aus, dass eine verstärkte Bündelung von Gütern an Umschlagspunkten den Transport auf der Schiene begünstigt und insgesamt eine Entwicklung hin zu ressourceneffizienter Mobilität von Personen und Gütern stattfindet. Neben dieser Entwicklung zeigt das UVEK alternative Entwicklungspfade auf, die primär davon abhängen, wie schnell sich umweltfreundliche Technologien etablieren.

Verlässliche Infrastruktur auch künftig notwendig

Wie immer auch die Entwicklung in den kommenden 30 Jahren verlaufen wird, die Verkehrsperspektiven 2050 dürfen nicht zur Grundlage weiterer regulierender Massnahmen werden. Selbstverständlich verschliesst sich der Schweizerische Gewerbeverband sgv den technischen Entwicklungen in den kommenden Jahren nicht. Wesentliche Eckpunkte sind aber weiterhin die Wahlfreiheit des Verkehrsmittels, die Bereitstellung von Infrastruktur durch gezielte Erweiterung oder durch gezielte Entlastung. Kapazitätsengpässe sollen primär durch einen nachfragegerechten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur behoben werden. Die Finanzierung der Strassenverkehrsinfrastruktur muss zwecks Planbarkeit langfristig sichergestellt sein. Technologischer Neuerungen zwecks besserer Effizienz sind zu unterstützen. Alternative Antriebsarten müssen marktgetrieben sein und dürfen nicht staatlich verordnet werden.

Verkehrsperspektiven demokratisch abstützen

Für Bund aber auch für die Kantone und Gemeinden werden die Verkehrsperspektiven 2050 zu einem wichtigen Grundlagendokument. Umso wichtiger ist es, dass die Vorstellungen des Bundesrates mit derart weitreichender Wirkung demokratisch breit abgestützt werden. Die Grundsätze, Zielsetzungen und Strategien müssen mindestens im Parlament diskutiert werden. Zudem muss zwingend eine Regulierungsfolgeabschätzung vorgenommen werden.

Dieter Kläy, Ressortleiter