Dieter Kläy
Dieter Kläy

Immer frühere Lehrstellenvergabe - Verbundpartner treten auf die Bremse

19.11.2021

Der früher freiwillig festgelegte Stichtag vom 1. November für die Vergabe der Lehrstellen wird durch ein neues Commitment ersetzt. Im Interesse aller Beteiligten sollen Lehrstellen frühestens im August des Jahres vor Lehrbeginn ausgeschrieben werden.

Die Berufslehre ist nach wie vor sehr attraktiv. Jedes Jahr treten gesamtschweizerisch rund 75‘000 junge Menschen ihre Berufswahl an. Im Kanton Zürich sind es etwa 12'000. Der Fachkräftemangel zwingt die Firmen zu einer seriösen Nachwuchsplanung. Um talentierte Lernende wird gekämpft. Bis vor etwa zehn Jahren galt unter Firmen die freiwillige Abmachung, Lehrstellen nicht vor dem 1. November im Vorjahr zu vergeben. Dieses «Gentleman’s Agreement» wurde gebrochen. Heute werden Lehrstellen bereits im Mai und Juni ausgeschrieben. Nach dem Prinzip «catch as catch can» versucht jede Firma, so schnell als möglich die besten Lernenden zu rekrutieren. Dieses Wettrüsten kann Frustrationen auslösen.

Zu frühe Rekrutierung kann nachteilig sein

Was auf den ersten Blick als normale Entwicklung auf einem kompetitiven Arbeitsmarkt aussieht, hat verschiedene Nachteile. Vergeben Betriebe ein Jahr oder mehr vor Lehrbeginn die Lehrstellen, müssen sich Jugendliche bereits im Alter von 14 Jahren für einen Beruf festlegen. Eine solche Entscheidung ist früh im Reifeprozess. Jugendliche, die noch keine Lehrstelle haben, aber auch ihre Eltern, kommen zunehmend unter Druck verfrühte Entscheidungen zu treffen. Auch aus dem Blickwinkel der Firmen können sich Nachteile ergeben. Die Ausbildner entscheiden sich für einen Lernenden, der erst ein Jahr später in die Firma eintritt. Für ihre offenen Lehrstellen finden die Unternehmen nicht immer nur die Besten. Im schlimmsten Falle bleiben Lehrstellen unbesetzt. 

Anlauf für ein neues Commitment

Der Berufswahlprozess muss mit Bedacht angegangen werden, sollen Frustrationen bei Lernenden, Eltern und bei Firmen vermieden werden. Ausreichend Zeit bis zum Abschluss des Lehrvertrags ist für ein erfolgreiches Fortkommen und ein Vermeiden frühzeitiger Lehrabbrüche fundamental. Die nationalen Verbundpartner der Berufsbildung – das sind arbeitnehmerseitig die Gewerkschaften travailsuisse und der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB, arbeitgeberseitig der Schweizerische Gewerbeverband sgv und der Schweizerische Arbeitgeberverband SAV sowie die Kantone, vertreten durch die Schweizerische Berufsbildungsämterkonferenz SBBK und der Bund, vertreten durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) – haben sich zu einem gemeinsamen Commitment entschlossen. Dieses definiert die Grundsätze zum zeitlichen Ablauf des Berufswahlprozesses bis zur Genehmigung des Lehrvertrages und fördert ein gemeinsames Verständnis des Berufswahlprozesses mit seinen verschiedenen Phasen und Meilensteinen innerhalb des bestehenden Rahmens von Schullehrplänen, Arbeitsrecht und Berufsberatung. Lehrstellen sollen neu frühestens im August des Jahres vor Lehrbeginn ausgeschrieben werden. Eine solidarische Beachtung des Berufswahlfahrplans ist im Interesse der Jugendlichen, Betriebe und Kantone. Sie wirkt dem Wettlauf um frühe Vertragsabschlüsse und damit der Gefahr von Lehrvertragsabbrüchen aufgrund einer ungeeigneten Auseinandersetzung mit der Berufswahl entgegen.

 

Kasten

Gemeinsame Grundsätze zu Berufswahl- und Rekrutierungsprozess von zukünftigen Lernenden ermöglichen eine sorgfältige, zeitlich gut abgestimmte Berufswahl im Interesse aller Beteiligten, die sich für folgende Grundsätze einzusetzen:

1. Lehrstellen werden frühestens im August des Jahres vor Lehrbeginn ausgeschrieben.

2. Lehrverträge werden frühestens ein Jahr vor Lehrbeginn abgeschlossen.

3. Lehrverträge werden frühestens im September des Jahres vor Lehrbeginn genehmigt.

Dieter Kläy, Präsident Berufsbildungskommission KGV ZH