Nicht unter Wert verkaufen
18.10.2012
Die duale Berufsbildung wird zu Recht als eine Stärke des Bildungs- und Wirtschaftsstandortes Schweiz gelobt. Ihre Vorteile sind breit anerkannt: Praxisbezug, breite berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten, eine tiefe Jugendarbeitslosigkeit. Studien belegen zudem, dass Menschen mit einer Höheren Berufsbildung am wenigsten Gefahr laufen, erwerbslos zu werden. Der politische Alltag sieht aber oft anders aus. Die Berufsbildung muss kämpfen und wird es auch in Zukunft tun müssen. Aktuelle Beispiele aus der Bundes- und Kantonspolitik veranschaulichen diese Entwicklung und geben zu denken Anlass.
Kampf um Finanzen
In Bundesbern werden die Beiträge des Bundes zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovationen für die Jahre 2013 bis 2016 diskutiert. Die Verfassung sagt, dass die berufliche und die akademische Bildung gleich zu behandeln sind. Seit Jahren fordert der Schweizerische Gewerbeverband sgv deshalb, dass zugunsten der Höheren Berufsbildung ein klares Zeichen gesetzt und diese mit zusätzlichen 400 Millionen Franken gefördert wird. Immerhin hat der sgv mit Unterstützung der Gewerkschaften erreicht, dass ihr ab 2012 jährlich zusätzlich 100 Millionen Franken zugewiesen werden. Mehr wird es wohl nicht geben. Der Nationalrat will zusätzliche 300 Millionen den Hochschulen zuschanzen.
Immer mehr Gymischüler?
Verschiedene Akteure aus dem Bildungsbereich versuchen unser duales Berufsbildungssystem in Frage zu stellen. Die einen plädieren für mehr Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und monieren, dass die hohen Eintrittshürden ans Gymnasium ungerecht seien, weil sie einen zu frühen Richtungsentscheid erzwingen, der das gesamte spätere Leben tief greifend präge. Andere meinen, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen, die mit ihrer Berufsbildung und Berufsarbeit zum Teil schon weit vor dem zwanzigsten Lebensjahr beginnen, dafür nicht selten den Preis einer bloss rudimentären Bildung bezahlen würde, als ob es keine Höhere Berufsbildung gäbe und eine Weiterentwicklung an einer Fachhochschule nicht möglich sei. Solche Überlegungen zeugen von einem ungesunden Hierarchiedenken in der Ausbildung. So wird sich der Kantonsrat in naher Zukunft mit der Frage befassen, ob die Gemeinden flächendeckende Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium anbieten müssen. Solche Entwicklungen, die eine Erhöhung der Maturitätsquote zur Folge haben werden, können nicht im Sinne der Berufsbildung und des Gewerbes sein. Auch volkswirtschaftlich macht es wenig Sinn, den Trend zur Mittelschule und zum Hochschulstudium zu fördern, da die Gesellschaft auch in Zukunft auf ein starkes Gewerbe mit dem entsprechenden Nachwuchs angewiesen sein wird.
Zuwanderung in den Kanton Zürich
Eine Mitte September 2012 publizierte Studie über Auswirkungen der Zuwanderung auf den Zürcher Arbeits- und Wohnungsmarkt kommt zum Schluss, dass Fachkräftemangel ein Motor der Zuwanderung ist. Treibender Faktor der Zuwanderung sei die Arbeitsmigration von Hochqualifizierten. 70 Prozent der Zuzügerinnen und Zuzüger würden wegen einer Erwerbstätigkeit nach Zürich oder als Familiennachzug solcher Zuzüger nach Zürich kommen. Das kann nur heissen, dass die Nachfrage nach Hochqualifizierten nicht allein durch Schweizerinnen und Schweizer abgedeckt werden kann. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit ortet Handlungsbedarf (NZZ 15.9.2012) und sieht in der Erhöhung der Gymiplätze eine Möglichkeit, die Abhängigkeit von ausländischen Fachpersonen zu verringern. Dies zeigt, dass der Wert der Berufsbildung und der Höheren Berufsbildung verkannt wird und seitens des Gewerbes und vor allem bei den Organisationen der Arbeit noch viel Aufklärungsarbeit bevor steht. Schliesslich stehen dank der grossen Durchlässigkeit im schweizerischen Bildungswesen Personen mit Berufsbildungsabschluss auch die Fachhochschulen und Universitäten bzw. die ETH offen.
Berufsweltmeisterschaften als Nagelprobe
Gymnasiale Ausbildung und Berufsbildung sollten nicht weiter gegeneinander ausgespielt werden. Eine Steigerung der Gymiquote braucht es nicht, damit die Schweiz für die Zukunft gewappnet ist. Mit ihrem dualen Berufsbildungssystem ist die Schweizer Wirtschaft für die Zukunft gut gerüstet. Bei den Berufsweltmeisterschaften zum Beispiel landet die Schweiz regelmässig auf den vorderen Plätzen. Der Wettbewerb zeigt letztlich, wer erfolgreich im Beruf bestehen kann und wer nicht. Das duale Berufsbildungsmodell muss weiter entwickelt und gefördert werden. Die bevorstehende Berufsmesse Zürich vom 20. Bis 25. November hilft das zu veranschaulichen.
Dieter Kläy